Der für den Oscar 2025 qualifizierte Dokumentarfilm Einhundertviervon Jonathan Schörnig startet heute auf dem Filmlabel NONFY Documentaries bundesweit in den deutschen Kinos. Das Filmteam ist am Abend zu Gast im Berliner Wolf Kino, um den Film zum Kinostart zu präsentieren. Es folgt in den nächsten Wochen eine ausgiebige Kinotour mit vielen Sonderveranstaltungen und diversen Gästen rund um die private Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer.

Der Film gewann dieses Jahr den Hauptpreis beim „It’s all true“ Filmfestival 2024, dem führenden Dokumentarfilmfestival in Südamerika, und hat sich damit für die Einreichung zu den Oscars 2025 qualifiziert. Beim Dok.Leipzig 2023 erhielt der Film zu seiner Weltpremiere gleich vier Preise, u.a. die Goldene Taube.

Der Film gibt Einblick in eine Rettungsaktion im Mittelmeer, bei der 104 Menschen aus Seenot gerettet werden. Jonathan Schörnig war von dem Dilemma der mangelnden Wahrnehmung dieser Hilfsaktionen betroffen und entschied sich, eine Seenotrettung als Echtzeitdokumentation auf die Leinwand zu bringen, um zu zeigen, wie quälend lange es dauert, viele Menschen von einem sinkenden Gummiboot zu bergen. Der Film begleitet die Aktion Mensch für Mensch, Schritt für Schritt, mit mehreren parallelen Kameras.

Inhaltsangabe

Als die libysche Küstenwache sich dem deutschen Seenotrettungsboot Eleonore nähert, bricht Hektik unter den 104 Flüchtlingen aus und der routinierte Rettungsvorgang muss beschleunig werden. Wie eine Seenotrettung ablaufen kann, übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Die Echtzeitdokumentation „Einhundertvier“ bringt diese dramatische Situation näher. Der Film zeigt wie quälend lange es dauert, 104 Personen von einem sinkenden Schlauchboot zu bergen. Mensch für Mensch, Schritt für Schritt wird die Aktion mit mehreren parallelen Kameras begleitet. Mit dem Auftauchen der Libyschen Küstenwache spitzt sich die Lage zu. Tagelang harren die Geretteten und die Crew auf hoher See aus, da kein Mittelmeerland ihnen erlaubt anzulegen. Erst nach einem schlimmen Sturm erreicht das Schiff einen europäischen Hafen.

Trotz medialer Beweise bleibt es für diejenigen, die diese Situation nicht selbst erlebt haben, unverständlich: „Warum wird Hunderten von Menschen in Lebensgefahr die Hilfe verweigert und die zivilen Helfer sogar bedroht und kriminalisiert?!“

Interview mit Regisseur Jonathan Schörnig

 

„Wie ist es zu dem Film gekommen?“

„Ich war 2019 auf dieser Rettungsmission als Journalist mit unterwegs. Aus dem Material, was ich gedreht habe, sind auch mehrere Beiträge für den MDR entstanden und ich habe danach gemerkt, dass ich zum einen mit dem Thema noch nicht ganz abgeschlossen habe und das Rohmaterial viel mehr bietet. Immer wenn ich mir Ausschnitte vom Rohmaterial anschaute, habe ich gemerkt, dass ich selbst sehr lange dranbleibe und dass ich diese Rettungsaktion an sich einfach auch spannend empfand.

Wenn so eine Rettung gezeigt wird, ist diese immer stark durch den Schnitt komprimiert. Ich dachte mir, das ist die beste Form das Ganze mal zu zeigen, ungeschnitten. Sodass der Zuschauer das miterleben und nachvollziehen kann. Wir konnten erst durch die Montage im Kachelmodus das Material richtig sichten und haben im Schnitt festgestellt, wie die Spannung sich durch den Film trägt.

Ich bin der Meinung, dass Menschen, die den Film gesehen haben, auch ein bisschen das Gefühl dafür bekommen, wie es ist, bei so einer Rettungsaktion dabei zu sein.“

„Warum hast du sechs Kameras aufgebaut und installiert?“

„Ich wusste, dass ich während der Rettung nicht viele Möglichkeiten habe, alle Situationen angemessen zu dokumentieren. Daher hatte ich gemeinsam mit Johanns Filous überlegt, wo wir überall Kameras anbringen können, um möglichst nichts zu verpassen. Für mich war es wichtig, auch das Geschehen auf der Brücke zu dokumentieren. Johannes war im Schnellboot dabei und ich bin an Bord geblieben. Zusammen mit den anderen Kameras hatten wir einen sehr guten Überblick.“

„Wie erging es dir an Bord?“

„Man ist die ganze Zeit Teil des Prozesses und es ist schwierig neutraler Beobachter zu sein. Für Johannes und mich als Journalisten an Bord war es nicht einfach, sich auf die Dokumentation zu konzentrieren.

Wir sind zwar Teil des Ganzen und wir essen und schlafen auf demselben Schiff, aber trotzdem haben wir auch eine Neutralitätspflicht.

Weil wir wenig Crewmitglieder waren und nur neun anstatt zwölf, mussten wir wie alle anderen auch uns dem Schiffsalltag unterordnen.

Die Frage, die mich kurz vor der Abfahrt Richtung SAR-Zone beschäftigt hat, war: Was passiert, wenn vor mir jemand ertrinkt? Filme ich oder greife ich ein und versuche zu retten? Ich habe vorher keine klare Entscheidung getroffen, aber ich hatte im Gefühl, dass wenn so ein Fall eintritt, ich in die Situation eingreifen und meine Beobachterposition verlassen werde.“

„Welche Erinnerung hast du an die Geretteten?“

„Es gab ein paar, die sich mir eingeprägt haben. Zum Beispiel Fahad, der zu einer Art Sprecher der Gruppe wurde und uns gegenüber immer Lösungsansätze präsentiert hat, wenn es Probleme gab. Generell hatten wir großes Glück mit den Geretteten. Obwohl sie aus verschiedenen Ländern kamen und sich selbst auch nicht kannten, waren alle sehr diszipliniert und geduldig.

Wir hatten einen Tag, an dem wir gemeinsam verschiedene Brettspiele, die wir an Bord hatten, spielen wollten. Nach ein paar Minuten bemerkte ich, dass in einer Gruppe Unruhe herrschte und Spielkarten über Bord geworfen wurden. Nachdem Gerald Karl (Decksmanager) die Lage beruhigt hatte, haben wir Fahad die Verantwortung übergeben und sind als Crew vom Deck gegangen. Nach 5-minütiger Diskussion untereinander kam Fahad mit allen Spielen zu uns und meinte, weil es nicht geklappt hat, haben sie sich entschieden, dass sie nicht mehr spielen wollen, und übergab Gerald die säuberlich zusammen gepackten Spiele.“

„Wie war die Stimmung nach der Rettung?“

„Direkt nach der Rettung waren alle sehr euphorisch. Das Adrenalin ließ allerdings erst nach, als uns die Libysche Küstenwache nicht mehr verfolgte. Zuerst wurden alle mit Wasser versorgt und Georg Albiez (Schiffarzt) kümmerte sich um die sehr schwachen Fälle. Am nächsten Tag gab es dann eine „Sprechstunde“, bei der alle Geretteten beim Arzt vorbeikamen und Verletzungen dokumentiert und Wunden behandelt wurden.

Leider konnten wir das Rettungsboot, welches wir eigentlich gesucht hatten, nicht finden.“

Einhundertvier | Kinotrailer ᴴᴰ

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Interview mit Jonathan Schörnig

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Interview mit Jonathan Schörnig und Klaus Claus-Peter Reisch

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Pressestimmen

„Einhundertvier“ spielt den stärksten Trumpf des dokumentarischen Kinos aus, wenn es (unkommentiert und weitgehend ungeschnitten) zeigt, was kaum jemand mit eigenen Augen sehen kann. Im besten Fall erzeugt das Empathie.“ (Süddeutsche Zeitung)

„Grandioser Dokumentarfilm.“ (Der Freitag)

„Ein cineastisches Kabinettstück.“ (Leipziger Volkszeitung)

„In Echtzeit dokumentiert Jonathan Schörnig die Seenotrettung von 104 Personen auf dem Mittelmeer. Dabei verdeutlichen Parallelmontagen aus bis zu sechs Kameraperspektiven die Dramatik der Aktion mit all ihren Gefahren und Herausforderungen auf unverfälschte und höchst eindringliche Weise.“ (Cinema [Fünf Sterne]):

„Gerade durch das Zusammenspiel der Perspektiven erzeugt der Film eine authentische Verdeutlichung der Abläufe. Es ist ein vermeintlich einfaches, aber raffiniertes Konzept.“ (EPD)

„Der Dokumentarfilm von Jonathan Schörnig diskutiert überhaupt nicht. Er zeigt – größtenteils in Echtzeit –, wie eine Seenotrettung aus Sicht der Retter*innen rein technisch abläuft.“ (Der Tagesspiegel)

„Ein Dokumentarfilm in seiner reinsten, puristischsten und authentischsten Form, der keinerlei dramaturgischer Nachbearbeitung bedarf. Denn allein die Situation ist dramatisch genug, weil sie derart heikel ist und jederzeit in eine Katastrophe münden könnte.“ (Kino-Zeit)

„Der*die Zuschauer*in wird zum Regisseur*in. Die Split-Screen-Ästhetik vermittelt eine große Fülle unterschiedlichster Informationen, Momente und Emotionen.“ (Filmdienst)

„Wie eine Seenotrettung ablaufen kann, übersteigt meist die Vorstellungskraft. Die Echtzeitdokumentation „Einhundertvier“ bringt diese dramatische Situation näher.“ (Münchner Merkur)

„Einhundertvier gelingt es, ein beklemmendes, nachdrückliches Gefühl hervorzurufen und einen authentischen Eindruck von einer lebensgefährlichen Seenotrettungsaktion im Mittelmeer zu vermitteln, der an Realismus nicht zu übertreffen ist.“ (Programmkino)

Einhundertvier“ ist u.a. in folgenden Kinos zu sehen:

Berlin Kino Neue Zukunft
Wolf Kino
Chemnitz Metropol
Dresden Schauburg
Erlangen Lamm – Lichtspiele
Freiburg Kommunales Kino
Gauting Kino Breitwand
Hannover Kino im Sprengel
Köln Traumathek
Landsberg Olympia Filmtheater
Leipzig Luru in der Spinnerei
München Werkstattkino
Ratzeburg Burgtheater
Rostock Lichtspieltheater Wundervoll
Weingarten Kulturzentrum Linse (Kino)
Würzburg Central Programmkino

Weitere Informationen über den Dokumentarfilm: Einhundertvier

Weitere Informationen über das Filmlabel: NONFY Documentaries