Im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz — jenem rund 200 Quadratmeter großen Salonraum aus dem Wiederaufbau der frühen Fünfzigerjahre, dessen ovale Glaslüster, schwere Samtvorhänge und Spiegelwand bis heute das 20er-Jahre-Flair des Kaufmann-Baus zitieren — fand am Montag, 20. April 2026, im Rahmen der achtung berlin Branchentage die Paneldiskussion „Breaking the Stigma“ statt.

Thematisch initiiert und ko-organisiert war sie von UCM.ONE / Darling Berlin; moderiert wurde die Runde von Karoline Rößler, selbst mit dem Dokumentarfilm INTERSECTION — ALLES IST POLITISCH im Berlin-Spezial-Programm des Festivals vertreten. Angekündigt war ein Gespräch darüber, wie Filme mit Vorurteilen brechen. Was in den knapp neunzig Minuten daraus wurde, war vor allem eine markante Verschiebung der Ausgangsfrage: eine Runde, die sich auffällig entschieden dagegen verwahrte, die eigenen Filme auf die Erwartung pädagogischer Eindeutigkeit festlegen zu lassen.

Die Runde

Auf dem Podium saßen die Moderatorin und drei Regisseur:innen mit aktuellen Festivalbeiträgen:

  • Karoline Rößler (Moderation) — Regisseurin INTERSECTION — ALLES IST POLITISCH, Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, 2025 auf der DOK Leipzig mit dem film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum ausgezeichnet, im Berlin-Spezial-Programm.
  • Ina BalonPLAN F, Langfilmdebüt im Wettbewerb Spielfilm, bei den Hofer Filmtagen 2025 mit dem Friedrich-Baur-Goldpreis (beste Regieleistung eines ersten Langspielfilms) und dem Hofer Kritikerpreis ausgezeichnet.
  • Yann RehbergVOM BÖSEN BLICK, mittellanger Abschlussfilm der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, im Wettbewerb Mittellanger Film.
  • Ali TamimNOAH, Langfilmdebüt im Wettbewerb Spielfilm, beim Filmfestival Max Ophüls Preis mit den Auszeichnungen für das Beste Drehbuch und den gesellschaftlich relevanten Film ausgezeichnet.
© 2026 Norbert Hingst | ABFF2026
Karoline Rößler © 2026 Norbert Hingst | ABFF2026
Sebastian Brose © 2026 Norbert Hingst | ABFF2026

Zur Begrüßung dankte Festivalleiter Sebastian Brose ausdrücklich Tone Frede (UCM.ONE / Darling Berlin) für die Initiative und thematische Mitgestaltung des Panels. Frede übernahm während der Publikumsdiskussion die Betreuung des Publikumsmikrofons.

© 2026 Norbert Hingst | ABFF2026
© 2026 Norbert Hingst | ABFF2026

Haltung, nicht Programm

Nach dem filmischen Auftakt mit Clips aus allen vier Arbeiten führte Rößler die Runde auf die Frage, wie ihre Panelist:innen selbst zum Thema „Breaking the Stigma“ stehen: ob sie Filme gern aus diesem Winkel besprechen — oder ob sie eigentlich lieber über den Inhalt reden würden. Ali Tamim beantwortete die Frage mit einer persönlichen Offenlegung: Er sagte, er habe sich erst überzeugen lassen müssen, überhaupt an dem Panel teilzunehmen, aus Sorge, in einer Rolle zu landen, die man ihm branchenseitig seit Jahren anträgt — der des Autors, der immerzu schreit, wie ungerecht alles sei. Er sei kein Aktivist, sondern Regisseur und Drehbuchautor; die politische Haltung bleibe seinen Filmen eigen, solange es erforderlich sei.

Yann Rehberg, auf dem Panel mit seinem Abschlussfilm „Vom bösen Blick“ vertreten, schloss sich Tamim an und formulierte eine der präzisesten Differenzierungen des Nachmittags — ruhig, ohne jeden Überschlag:

„Ich habe mir am Anfang nicht gedacht: ‚Oh wow, hier werden jetzt richtig die Stigmen gebrochen.‘ Eigentlich nicht eine Sekunde. Sondern es ist eine Haltung — wie man auf eine Welt blickt und wie man dann Figuren schreibt und wie man sie inszeniert.“

— Yann Rehberg, Regisseur „Vom bösen Blick“

Vom bösen Blick„, in Koproduktion mit dem RBB entstanden, spielt in einem Jugendclub, in dem ein unbewiesener Missbrauchsvorwurf die Runde macht und weder aufgeklärt noch entkräftet wird. Erzählt wird aus der Perspektive einer Sozialarbeiterin, die sich entscheiden muss, wem sie glaubt — und die diese Entscheidung bis zum Ende nicht trifft. Was in seinem Film zerbricht, so Rehberg, sei nicht zuerst der oder die Einzelne, sondern der soziale Ort, der beide Seiten getragen habe. Der Jugendclub wird zum eigentlichen Kollateralschaden.

Rößlers eigener Film „Intersection — Alles ist politisch„, produziert von supa Stories GmbH, sucht einen anderen Weg: Der Dokumentarfilm kommt mit einem Handyspiel als Gesprächsanlass — eine kleine Stadtfigur, die je nach Aussehen und Eigenschaften Privilegien oder Benachteiligungen erlebt. Um die Spielerfahrung herum legt Rößler Studio-Gespräche mit Aktivist:innen aus progressiven Spektren, die aus ihrer Antidiskriminierungsarbeit berichten. Was der Film sucht, ist weniger die erklärende Lösung als die gemeinsame Verständigung darüber, was nach dem „destroy and rebuild“ kommen könnte.

© 2026 Norbert Hingst | ABFF2026
© 2026 Norbert Hingst | ABFF2026

Kernfrage: Wer muss Aufklärer:in sein?

Rößler hatte die Frage zuvor schon in die Runde gelegt, ohne sich selbst daran zu versuchen: Wessen Aufgabe sei es eigentlich, ein Stigma zu brechen — die der Künstler:innen, die daraus Filme machen, oder die einer Gesellschaft, die über sich selbst spricht? Sie ließ die Antwort bewusst offen, öffnete die Runde für das Publikum — und die beiden Seiten der Debatte prallten sofort aufeinander.

Eine Zuschauerin nahm Tamims persönliche Offenlegung aus dem ersten Panelteil auf und drehte sie um: Wer einen solchen Film mache und zu einer solchen Runde eingeladen werde, müsse auch bereit sein, sich zu äußern; sonst werde kein Stigma gebrochen. Tamim erwiderte pointiert:

„Und dürfen wir uns auch mal ausruhen? Dürfen wir auch einfach mal Filme machen und dürfen wir einfach mal über die Schönheit von Bäumen reden oder müssen wir die ganze Zeit den Mund aufmachen und sagen: ‚Wir sind das, wir sind Opfer, wir sind Opfer, ihr macht uns zu Opfern‘?“

— Ali Tamim, Regisseur „Noah“

Den Ausweg aus diesem scheinbaren Dilemma lieferte eine zweite Zuschauerin. Sie bezog sich ausdrücklich auf ihre Vorrednerin, gab ihr „völlig recht“, dass die gesamte Gesellschaft am Thema beteiligt sein müsse — und formulierte in einem einzigen Satz die Grenze, die Tamim gesucht hatte:

„Aber es darf nicht ihre Lebensaufgabe sein. Also man darf nicht die Erwartung haben, dass wenn man bestimmte Stigmen, bestimmte Diskriminierungserfahrungen hat, dass man halt permanent darauf hinweisen muss und versuchen muss, die Welt besser zu machen.“

— Aus dem Publikum

Zwei Publikumsstimmen, beide zustimmungsfähig, keine gegen die andere — und dazwischen eine Panelrunde, die nicht gezwungen war, das eine gegen das andere auszuspielen.  Dass dieser Moment nicht von der Moderation, sondern aus dem Saal kam, ließ die Debatte auf eine Weise landen, die sich nicht inszenieren, sondern nur durch eine offene Gesprächsführung ermöglichen lässt — wie Rößler sie an diesem Nachmittag anbot.

Später im Panel, im weiteren Verlauf der Publikumsfragen, fand Tamim für diese Haltung die Formel, die an diesem Nachmittag bleiben sollte:

„Wer ein Arschloch und ein Menschenfeind ist und in meinen Film reingeht, wird auch nach diesem Film ein Arschloch und ein Menschenfeind bleiben. Und deswegen ist es sehr, sehr wichtig für mich, keinen Film für dieses Arschloch zu machen, sondern einen Film zu machen für uns.“

— Ali Tamim, Regisseur „Noah“

Was Tamim anschließend erläuterte, war weniger ein dezidiertes Programm als der Kern seiner Arbeit: Figuren, die in Welten leben, die sie unterdrücken — und die sich dann die Macht holen, sich dagegen aufzulehnen. „Selbstermächtigung“, sagte Tamim, sei für ihn das Schlüsselwort seines Schaffens.

Noah„, produziert von Schuldenberg Films in Koproduktion mit der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und dem RBB (Leuchtstoff), erzählt aus dem Umkreis eines jungen Mannes, der bei einer Polizeikontrolle ums Leben gekommen ist und im Film nur durch seine Abwesenheit präsent bleibt. Drei Stränge umkreisen dieses Zentrum: Noahs Mutter, die auf dem Weg ins Krankenhaus an bürokratischen Hürden scheitert, sich überhaupt noch von ihrem Sohn verabschieden zu können; eine Gruppe von Polizist:innen, unter ihnen Ibrahim, der zwischen seiner migrantischen und seiner Polizistenidentität ringt; und Malek und Musa aus Noahs Viertel, die im Film als wütende, assoziative Metaebene fungieren.

© Norbert Hingst | ABFF2026
Ali Tamim © Norbert Hingst | ABFF2026
Ali Tamim, Karoline Rößler © Norbert Hingst | ABFF2026
Yann Rehberg © Norbert Hingst | ABFF2026
© Norbert Hingst | ABFF2026

Produktionsrealität

Plan F“ folgt den Schwestern Franka und Maya — der Lauten und der Leisen — auf einer Berliner Nacht-Odyssee: Maya wohnt, mitten in einem depressiven Loch, bei ihren Eltern auf dem Dorf; Franka stolpert dort hinein und zieht sie mit auf einen Roadtrip mit Auto und S-Bahn, durch Bars am Kottbusser Tor. Was zunächst wie eine Wiederbelebungsaktion der vermeintlich Belastbaren aussieht, kippt: Nach und nach wird sichtbar, dass auch Franka ihren Plan eher behauptet als hat — und das Leben beider an einem Punkt des Scheiterns steht.

Ina Balon brachte jenen Teil des Gesprächs hinein, den Fördergremien gern in Absagen auslagern. Ihr Langfilmdebüt — produziert von Ina Balon und Jannik Büddig (ZAK Film Productions) — ist vollständig eigenfinanziert, weil drei Jahre lang Stoffe eingereicht und abgelehnt worden seien. Nach einem Besuch des Filmfests München 2024 habe sie beschlossen, nicht länger zu warten. Ihre Hauptfiguren Franka und Maya, gespielt von Bärbel Schwarz und Ursula Renneke, beschreibt sie als Frauen, wie man sie im deutschen Kino selten sieht:

„Dass sie einfach so sind, wie Frauen sind, wenn sie Mitte 40 sind. Und dass sie halt eben auch scheitern dürfen. Es wird ja immer verlangt, dass wir stark sind. Natürlich sind wir auch stark, klar, auch, aber es scheitern auch viele. Und das sieht man nicht oft.“

— Ina Balon, Regisseurin „Plan F“

Auf die Frage der Moderatorin, woher sie die Ausdauer nehme, ohne Förderzusage weiterzumachen, antwortete Balon kurz und ohne Pose: „Weil ich das machen muss. Es ist so in mir drin, ich muss das machen.“ Dass sie anschließend versicherte, ihren nächsten Film „auf keinen Fall“ noch einmal ohne Geld drehen zu wollen — weil sie es den Beteiligten schulde, sie auch bezahlen zu können — rundete eine Beobachtung ab, die sich an diesem Nachmittag wie ein Bass unter das Gespräch legte: Dass Filme wie diese im deutschen System oft eher trotz der Strukturen entstehen als durch sie begünstigt.

Ina Balon © Norbert Hingst | ABFF2026
Ina Balon © Norbert Hingst | ABFF2026
© Norbert Hingst | ABFF2026

Publikumsdiskussion: Förderung, Redaktion, Verleih

Aus dem Publikum kamen Fragen, die die Runde schnell aus dem engeren Werkzusammenhang herausführten. Wie geht man mit Produzent:innen um, die den eigenen Stoff dominieren? Welche Rolle spielen Redaktionen bei gesellschaftskritischen Themen? Und wie findet ein mittellanger Film, ein Dokumentarfilm, ein Debüt ohne Verleihnetz überhaupt sein Publikum?

Tamim erinnerte sich an eine — sehr freundlich formulierte — ZDF-Absage zu „Noah„: Man liebe das Drehbuch, nur sei Polizeigewalt „kein deutsches Thema“; wenn man die Polizei etwas nahbarer mache, könne der Film „deutsch werden“. Balon erzählte von einem zwei Jahre älteren Stoff über Polizeigewalt und Fußball-Hooligans, den eine Redaktion mit der Frage abgelehnt habe, warum eine Frau überhaupt einen solchen „gewaltvollen Männerfilm“ drehen wolle. Und wenn Tamim im weiteren Verlauf auf die Produktionsbedingungen der Neuen Deutschen Welle verwies — auf Interviews mit Wim Wenders, der damals noch vier Filme gebraucht habe, um stilistisch zu sich zu finden —, lag in diesem Nebensatz eine Beobachtung, die in der Runde spürbar hängenblieb: Dass der heutige Markt dem Nachwuchs kaum noch das Privileg lässt, sich erst einmal suchend zu erproben.

Einen kurzen Seitenstrang nahm auch das Thema Impact Producing ein, das am Vortag auf einem anderen Panel verhandelt worden war. Eine Zuschauerin, selbst als Schauspielerin und Impact-Koordinatorin tätig, warnte davor, Impact-Kampagnen auf die Regieschultern zu laden: Eine solche Kampagne brauche „eine komplette eigene Abteilung“ — eine Position, die Rößler aus eigener Erfahrung mit ihrem Dokumentarfilm bestätigte.

(vlnr.) Yann Rehberg, Karoline Rößler, Ina Balon, Ali Tamim, Tone Frede © Norbert Hingst | ABFF2026
© Norbert Hingst | ABFF2026

Festivalpartnerschaft

Zum elften Mal in Folge ist UCM.ONE / Darling Berlin offizieller Partner des achtung berlin filmfestivals; UCM.ONE stiftet erneut den mit 1.000 Euro dotierten Preis für Bestes Schauspiel. In diesem Jahr ist das Label zudem mit „Plan F“ im Wettbewerb Spielfilm vertreten und hat das Panel „Breaking the Stigma“ thematisch initiiert und gemeinsam mit der Festivalleitung umgesetzt. „Plan F“ von Ina Balon wird Ende 2026 über das UCM.ONE-Filmlabel Darling Berlin in die Kinos kommen.

Kompakt: Das Panel im Überblick

Titel: Breaking the Stigma — Paneldiskussion
Datum & Uhrzeit: Montag, 20.04.2026, 16:30–18:00 Uhr
Ort: Grüner Salon, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Rahmen: achtung berlin filmfestival 2026 — Branchentage (Tag 4)
Initiative & Ko-Organisation: UCM.ONE / Darling Berlin
Panelist:innen: Ina Balon („Plan F“, Wettbewerb Spielfilm), Yann Rehberg („Vom bösen Blick“, Wettbewerb Mittellanger Film), Ali Tamim („Noah“, Wettbewerb Spielfilm), Moderation: Karoline Rößler („Intersection – Alles ist politisch“, Berlin Spezial Programm)
Grußwort Sebastian Brose (Festivalleiter achtung berlin)

 

Achtung Berlin Filmfestival 2026 | Festivaltrailer (german) ᴴᴰ

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Weiteren Informationen zum Festival und dem Programm: achtung berlin

Weiteren Informationen über das Filmlabel: Darling Berlin